Harry Hess

Harry Hess ist ein 1920 in Coesfeld geborener Jude. Anders als seine Eltern, waren seine Großeltern sehr religiös. Er ist mit seinen sechs Schwestern in Coesfeld zur Schule gegangen.

Jeden Montag kam ein Lehrer nur für jüdische Schüler zur Schule.

Ungefähr ab1931 fingen andere Schüler an, seine Schwester und ihn zu mobben. Da sie Juden waren wurden sie ausgegrenzt. Mit 14 Jahren beendete Harry die Schule, und seine Familie zog nach Hannover um. Er fand es in Hannover deutlich friedlicher, da sie nicht mehr herum geschubst wurden.

Nachdem Hitler 1933 an die Macht kam, erwartete niemand aus seinem Familienkreis, dass er lange an der Macht bleiben würde. In Hannover arbeiteten seine Mutter und seine Schwester in einer Pension. Außerdem traten sie in Hannover einer jüdischen Organisation bei. Dort waren sie in einer Gemeinde und fühlten sich sicher. Laut ihm hatte man damals Angst, etwas gegen die Nazis zu sagen.

Ab 1935 mussten sie dann auch noch einen Judenstern auf der Brust tragen.

Dadurch fühlten sie sich noch ausgegrenzter als zuvor. Jemand den sie kannten, gab seiner Familie Reisepässe in die Schweiz. Dort gingen sie dann aber nicht hin, denn die Mutter wollte nicht aus Deutschland raus. Das lag vor allen Dingen daran, dass ihre Vorfahren und Verwandten schon immer in Deutschland lebten. Somit blieben sie in Hannover. Nachts haben sie in ihren Alltagsklamotten geschlafen, weil die Nazis oft nachts kamen und den Juden befahlen sich gegenseitig zu verprügeln. Aus diesem Grund mussten sie aus Hannover flüchten. Sie sahen keinen Ausweg.

Mit LKWs wurden sie dann nach Riga in Lettland deportiert. In Riga mussten sie in einem Ghetto leben. Dort ging es ihnen anfangs etwas besser als in Hannover, weil sie dort nicht belästigt wurden. Er arbeitete dort in einer Art Restaurant. Seine Frau Lona arbeitete wiederrum außerhalb des Ghettos. Wenn jemand Essen oder andere Dinge ins Ghetto bringen wollte, wurde derjenige sofort erschossen. Harry sagte, dass alles in diesem Ghetto mit dem Tod verbunden war. Da er sehr sportlich war, interessierte er sich sehr für Boxen und Fußball. Dadurch konnte er sich von dem teilweise harten Ghettoleben ablenken.

Aus Riga wurden sie dann nach Salaspils, welches ebenfalls in Lettland liegt, gebracht. Dort mussten sie gegen ihren Willen, unter schweren Bedingungen, an Zugschienen arbeiten.

Außerdem mussten sie in kalten Nächten arbeiten.

Es gab ein Brot für 32 Leute. Als zusätzliche Demütigung mussten sie oft die Klamotten von erschossen Juden tragen.

In Salaspils gab es einen Mann, der die Juden immer an die Nazis verraten hat.

Wenn zum Beispiel jemand Brot geklaut hat, wurde er von den Nazis gehängt.

In Salaspils hatte er mehrere Freunde, unter anderem Rudi Kleve und Günter Falk. Über Rudis Schicksal ist nicht viel bekannt.

Günter Falk aber wurde in Salaspils gehängt.

Harry erzählte davon, wie er ständig Albträume von diesem Tag hat, da Günter ihn gebeten hatte, bei seiner Erhängung anwesend zu sein. In dem Moment der Erhängung schauten sich beide Freunde in die Augen.

Eines Tages wurden sie aus Salaspils raus gebracht, und auf ein Schiff verfrachtet. Die SS-Leute verließen etwas später das Schiff und ließen die Juden mit Kriegsgefangenen zurück. Als das Schiff Großbritannien erreichte, wurden viele der Juden, sobald sie das Schiff verließen, von SS-Leuten erschossen.

Zum Glück der Juden konnten die Kriegsgefangenen das Schiff steuern.

Viele der verletzten Juden wurden von Engländern in Krankenhäuser gebracht.

Harry erlitt schwere Verletzungen durch die SS-Leute. Er selbst schaffte es kaum zum Krankenhaus.

Im Krankenhaus wurde ihm erzählt, dass seine Frau ebenfalls dort in einem Zimmer lag.

Daraufhin versuchte er in das Zimmer seiner Frau zu gelangen. Er ignorierte den Schmerz und machte sich auf den Weg.

Mit Tränen in den Augen erzählte er das seine Frau kaum noch Haare hatte und ihr Gesicht kaum noch wiederzuerkennen war. In diesem Moment betete er zu Gott und hoffte, dass alles wieder gut würde.

Nach Ende des Krieges gab es immer noch Leute an Hitler geglaubt haben. In Deutschland wollte er nach dem Krieg nicht mehr leben. Die Erinnerungen waren zu schrecklich. Nur eine seiner Schwestern hat die Zeit überlebt.

 

Quelle: Interview mit Harry Hess aus dem Jahre 1995

Bundesarchiv, Bild 101III-Duerr-056-09A / Dürr / CC-BY-SA 3.0